Predigt vom 9. Mai 2021

Gespeichert von admin am So., 09.05.2021 - 14:48

Predigt Johanneskirche 9. Mai 2021 Rogate („Betet!“)

(und Muttertag und 76 Jahre + 1Tag nach Beendigung des 2. Weltkrieges)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

In der Stille beten wir um den Segen des Wortes: Gott, gib mir ein Wort für mein Herz und ein Herz für dein Wort. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

[Ein vorbildliches Gebet – in Zumutung und Entlastung]

Wir lernen heute ein vorbildliches Gebet kennen. Es ist eher unbekannt. Es hat es in sich. Eine ganz schöne Zumutung kann dieses Gebet sein. Zumutung, weil irritierend und Zu-Mutung, weil voll zutrauen. Eine Zumutung kann dieses Gebet sein – und am Ende auch: eine Entlastung: Gott alles hinlegen. Gott vertrauen – wie einer guten Mutter.

Hören wir zuerst, wie Daniel betet! Ein vorbildliches Gebet betet er.

[Daniel betet] [Das Wort Daniel heißt: „Gott hat Recht verschafft“]

 

Daniel ist ein Treuer. Er hält zu Gott. In einem Land, in dem Gott unbekannt ist, hält Daniel zu Gott. Gleichzeitig dient er diesem gottlosen Land ehrlich und mit Hingabe.

Daniel hat es Gott selbst zu verdanken, dass er in diesem gottlosen Land lebt. Und dass sein Volk misshandelt und verschleppt und zerstreut und gedemütigt ist.

Trotzdem ist Daniel ein Treuer, einer, der sein Herz an Gott gehängt hat, einer der selbstverständlich die guten Gebote Gottes einhält

Und dieser Daniel, der betet nun: Ach Gott, wir haben gesündigt. Wir haben Unrecht getan, wir sind gottlos gewesen. WIR. betet er.

Was ist denn das für ein „Wir“? Dieses absurde Wir, das wir aus dem Krankenhaus kennen „Haben wir heute schon Stuhlgang gehabt?“ – Wo die Antwort ja nur lauten kann „Ob Sie Stuhlgang hatten, das müssen Sie schon selber wissen! Ich kann nur über mich Auskunft geben!“

Nein, dieses absurde „Wir“ ist es nicht, wenn Daniel betet „wir haben gesündigt…“

Aber es stimmt doch nicht, dieses Wir, ein direktes Wir ist es nicht. Es ist nicht wie dieses direkte Wir meiner Kinder, die die Blumen gießen sollten als ich weg war. Aber sie vergasen es. Und als ich mich über die vertrockneten Stängel beschwerte, sagten sie ganz direkt: „WIR haben es vergessen.“

Daniel ist ein Treuer, einer der sich zu Gott hielt, immer. Warum betet er: „Wir haben gesündigt“? Es ist kein absurdes Wir und kein direktes. Es wird nicht unbedacht verwendet, dieses Wir. Es ist ein solidarisches Wir.

Ein Wir, das weiß, dass kein Mensch für sich alleine lebt, dass wir zusammengehören und aneinander gewiesen sind und Verantwortung haben füreinander. „Ich persönlich kann nichts dazu. Ich kann nichts für meine Eltern und für meine Vorfahren, kann ihre Taten und Untaten nicht ungeschehen machen. Aber ich gehöre zu dieser Familie, zu diesem Land und ich nehme die Verantwortung an.“ So betet Daniel und macht es uns möglich, mitzubeten:

Daniel 9, 4+5. 16-19

4 Ich betete aber zu dem HERRN, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! 5 Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. 16 Mein Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. 17 Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! 18 Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. 19 Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn dein Name ist über deiner Stadt und über deinem Volke gerufen!

 [Unser Gebet zum 8. Mai - https://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Darmstaedter_Wort.html]

Vor 76 Jahren und einem Tag war der zweite Weltkrieg in Deutschland definitiv zu Ende.

Wenn wir Daniels Gebet aufnehmen wollen zum achten Mai, dann kann das unter die Haut gehen:

Ach, Gott, wir haben gesündigt. Du hast alle Menschen geschaffen, wir haben sie eingeteilt in wertvolle und weniger wertvolle.

Du hast alle Menschen ins Leben gerufen – wir haben beschlossen, dass nur manche das Leben in Fülle verdienen und andere nicht.

Du liebst alle Menschen – wir haben sie eingeteilt in eine Herrenrasse und Untermenschen.

Wir haben gesündigt. Wir haben unser Herz nicht an dich gehängt, sondern an Führer und Volk – wir gehörten ja zum richtigen Volk, was sollten uns die anderen kümmern.

O, Gott, und als du uns und die Welt endlich befreist hast von der Tyrannei, da brauchten wir 40 Jahre lang, um das zu verstehen. Nach 40 Jahren endlich konnten wir den verlorenen Krieg als Befreiung auffassen, als deine – Gnade.

Und jetzt, o Gott, sind 76 Jahre rum. Schon lange ist auch die zweite Diktatur auf deutschem Boden überwunden. Aber wir haben zu wenig gelernt, Gott: Immer noch müssen Juden in Deutschland Angst haben, immer noch gibt es Menschen, die meinen, sich über andere erheben zu können.

[Reflexion über das solidarische Wir und über das, was noch schwerer ist]

Ja, dieses Wir ernst gesprochen, das kommt mich hart an. Am liebsten will ich sofort einwenden: „Aber, ich hab doch gar nicht…“ Oder: „muss das immer noch sein!“ Oder wenigstens will ich aufrufen, dass wir uns zusammentun und die modernen Volksverhetzer klein halten. Das Gebet Daniels aber macht langsam. Schmerzhaft langsam. Und nach der Aufzählung der Unrecht und der Gottlosigkeit – die noch viele Verse mehr umfasst, unser Predigttext kürzt enorm! – nach dieser Aufzählung kommt noch keine Aktion. Nein, es kommt eine noch entschiedenere Hinwendung zu Gott. Von Gott wird alles erwartet.

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

[[Dann schwenkt Daniel vom WIR zum ICH: Mein Herr, erhöre! Mein Herr, verzeih! Mein Herr, vernimm und tu!

In der Lutherübersetzung kommt das gar nicht raus. Da steht „Ach“ - auch gutes Wort im Gebet. Aber hier lohnt sich die genaue Übersetzung schon. Mein Herr, erhöre! Mein Herr, verzeih! Mein Herr, vernimm und tu!

Daniels Gebet ist genau: Er kann sich unter die Sünder rechnen, als ein Treuer trotzdem sagen „wir haben gesündigt“. Ob aber alle auch sich zu Gott wenden wollen? Zum großen und schrecklichen Gott voll Vertrauen? Da bleibt das Gebet genau und sagt „Mein Herr“.]]

Ganz innig wird das Gebet jetzt, ganz auf Gott gewandt. Um deinetwillen, Gott – greife ein. Wenn du handelst, werden wir gerettet. Mein Gott, dein Name ist doch genannt über deinen Christenleuten seit ihrer Taufe. Über allen deinen Menschen, weil du sie geschaffen und erlöst hast. Mein, Gott, dein Name ist ausgerufen über unserer, deiner Welt Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle!

Von Gott alles erwarten – das finde ich manchmal das allerschwierigste im Glauben überhaupt. Viel leichter ist es, dies oder jenes zu tun und anzugehen… Heute aber bleiben wir an Daniels Seite, legen unser Gebet vor Gott. Mehr nicht.

Das ist zugleich Zumutung und Entlastung.

Daniels Gebet – ein Vorbild nicht nur für den achten Mai. Sondern für vieles, was uns Last ist:

[Daniels Gebet – angewandt auf unseren Umgang mit der Natur]

O, Gott, wir haben gesündigt. Deine wunderschöne Welt hast Du uns anvertraut und wir machen sie kaputt. Überallhin müssen wir, unsere Neugier, unsere Erholung zählen – ob die Natur das aushält, darüber denken wir nicht nach.

Nein, ich führe nicht noch mehr aus, Schlagt die Zeitung auf und ihr werdet Daniels Gebet anwenden können: O, Gott, wir haben gesündigt.

Eine Zumutung ist das – ja. Bleibt dran, mutet es Euch zu, bleibt aber auch bei Daniels entschiedener Hinwendung zu Gott:

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Gott, wir habens falsch gemacht, aber du, Gott: Du kannst die Dinge zum Guten wenden. Uns kannst du zum Guten wenden. Und das, was wir nicht gut machen können, du kannst es.

Wir haben sie ja schon erlebt, deine Barmherzigkeit, deine Gnade: Deutschland ist wieder Teil der Völkergemeinschaft. Es gibt wieder jüdisches Leben bei uns.

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Wir haben sie schon erlebt, deine Barmherzigkeit, deine Gnade: Du hast uns Mittel gegeben in der Pandemie, in die wir blind hineingestolpert sind.

Ja, Daniels Gebet ist ein vorbildliches Gebet in Zumutung und Entlastung. Zum Anwenden für vieles geeignet.

Und, wer weiß, vielleicht, wenn wir in dieser Radikalität beten, die Sünde benennen, solidarisch benennen und Gott um Hilfe bitten, nicht selbst hoffnungslos aufgeben und nicht selbst sofort zu rödeln anfangen, sondern die Dinge Gott hinlegen und ihn ernsthaft bitten – so wie kleine Kinder immer wieder auf das Wunder hoffen, dass die Mutter die Dinge schon richten wird – wer weiß, vielleicht geht es bei uns ja auch weiter wie bei Daniel:

Zu dem kam der Engel Gabriel, Gottes Engel. Der sagte ihm zuallererst mal:  der uns sagt: „Du bist von Gott geliebt.“

Und dann hat er ihm erklärt, dass die schweren Zeiten ein Ende haben werden. Nicht sofort wird das Schwere zu Ende sein, nein, aber es gibt Zeiträume – und dann ist es vorbei und die Dinge werden gut.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

                                               Pfarrerin Dr. Bianca Schnupp

Letzte Aktualisierung
09.05.2021 - 14:57