Predigt vom 31. Januar 2021

Gespeichert von admin am So., 31.01.2021 - 18:04

Predigt zum letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. 1. 2021
Johanneskirche Erlangen


2. Petrus 1, 16-21
16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. 20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift aus eigener Auslegung geschieht. 21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.

Liebe Gemeinde,
I
Vorhin haben wir in der Lesung aus dem Matthäus-Evangelium die Geschichte von der Verklärung Jesu gehört:
Drei von Jesu Jüngern, darunter Petrus, sehen Jesus
verklärt als Gottes Sohn in seiner ganzen Herrlichkeit.
Sie erleben, wie Gott selbst aus einer Wolke spricht:
„An dem habe ich Wohlgefallen“, „den sollt ihr hören“.

Eine beeindruckende Geschichte…
Vielleicht wurde sie schon zu Jesu Lebzeiten unter der Hand weitererzählt,
auch wenn Jesus genau das ja auf keinen Fall wollte.
Nach Jesu Tod und Auferstehung wurde sie vielfach weitergegeben.
Matthäus, wie auch Markus und Lukas, haben sie später (ab 70 n. Chr. ) aufgeschrieben.
Wir dürfen dankbar sein, dass es die Evangelien gibt,
sie haben uns Leben und Sterben Jesu, seine Reden und sein Wirken überliefert,
vielfach variiert, mit verschiedenen Akzenten, aus verschiedenen Perspektiven, auch mit Widersprüchen…

II
Aber unser Predigttext heute setzt da noch eins drauf:
Petrus selbst, der Jesus in seinen Jahren als Wanderprediger bis zu seinem Tod begleitet hat,
er selbst, „Knecht und Apostel Jesu Christi“, wie er sich vorstellt (2. Petr. 1, 1),
schreibt vor seinem Tod als eine Art Testament einen Brief an christliche Gemeinden,
um sie „zu erinnern“(13).
Er hat Gewichtiges mitzuteilen:
Er selbst war mit dabei auf dem Berg.
 „Wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen“
„Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Die denkwürdige Verklärung Jesu von Petrus persönlich berichtet-
authentischer geht es nicht mehr…
Was überzeugt mehr als die Aussagen eines, der dabei gewesen ist!?

Die Erkenntnisse der textkritischen Forschung können da ganz schön ernüchtern:
Kein einziger Brief von dem großen Petrus ist uns überliefert.
Die Entstehung des zweiten Petrusbriefs wird in das erste Drittel des 2. Jahrhunderts datiert
und gilt als späteste Schrift des Neuen Testamentes.
Außerdem ist umstritten, ob der Brief überhaupt würdig ist,
im Kanon des NT zu erscheinen.
Der vor 5 Jahren verstorbene Theologe Jörg Zink konnte sich vorstellen,
„dass  eine Versammlung aller Kirchen entschiede,
[….u. a. ] auch der zweite Petrusbrief sei[en] aus dem neuen Testament auszuscheiden und den apokryphen Schriften des NT zuzuordnen.“ (Zink, Vom Geist des frühen Christentums, S. 309)

Was bleibt da noch übrig von unserem Predigttext,
von dem Zeugnis: Es ist wahr, ich war dabei, ich habe es mit eigenen Augen gesehen?
Und das in Zeiten, wo Fake-News und alternative Fakten sich mit den Tatsachen überlagern 
und uns den Blick auf die „Wahrheit“ schwer machen?

III
Warum schmückt sich ein unbekannter Briefschreiber mit fremden Federn,
gibt sich als Apostel persönlich aus? (Urheberrecht ist wohl schon immer eine knifflige Sache.)
Dazu sollte man wissen:
Die ersten Christen lebten  im festen Bewusstsein der Naherwartung,
Sie glaubten fest, dass Christi Wiederkommen in naher Zukunft bevorstünde.
Zu Lebzeiten unseres Briefschreibers, zwei, drei Generationen später,
war die Wiederkunft des Messias zweifelhaft und der Glaube daran verblasst.
Die christliche Überlieferung,
wie sie v.a. in den Briefen des Paulus und in den vier Evangelien aufgeschrieben war,
stand in der Kritik.
Ganz andere Lehren,  „ausgeklügelte Fabeln“, drohten  überhand zu nehmen.
Für müde, zweifelnde Christen beschwört der angebliche Petrus die „Kraft  und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus“ herauf,
mit der Autorität des großen Apostels Petrus.
(Dabei war dieser vor 60 Jahren den Märtyrer-Tod gestorben ….)

Bleibt noch etwas übrig von unserem Predigttext,
von dem Zeugnis: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, es ist wahr?
Es gibt auch heute und unter uns Müdigkeit und Zweifel.
Dagegen hat unser Text viel innere Wahrheit!

IV
Die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, beschwört Petrus.
Er meint damit: Jesus, Gottes Sohn, ist auferstanden von den Toten
und wird wiederkommen und uns das ewige Leben schenken-
das ist nicht weniger als die Mitte unseres Glaubens.
Er gründet nicht auf ausgeklügelten Fabeln, sondern auf Menschen.
Sie haben ihre Erfahrungen mit Gott von alters her weitererzählt,
bis sie im kollektiven Gedächtnis verankert,
schließlich niedergeschrieben und immer wieder abgeschrieben wurden.
So entstanden die Schriften des Alten Testaments,
die 5 Bücher Mose, die Bücher der Propheten…
und später, nach Jesu Menschwerdung, die Evangelien und die Epistelsammlungen des NT.
Immer wieder gaben und geben diese Texte der Glaubenszeugen Kraft und Mut,  auch uns heute.
Außer der Verklärungsgeschichte einige besonders schöne Beispiele:
Maria Magdalena, sie begegnete dem auferstandenen Jesus und erkannte ihn an dem entscheidenden Wort.
oder die Jünger in Emmaus, eine Geste des Auferstandenen öffnete ihnen die Augen
oder der Jünger Thomas, er musste Jesu Wundmale spüren, um die Begegnung mit dem Auferstandenen zu glauben…
Glaubenserfahrungen, die Kraft geben…

Dazu gehören für unseren  Briefschreiber nicht nur Zeitgenossen Jesu als Augenzeugen,
sondern auch die Propheten des AT:
umso fester haben wir das prophetische Wort.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. …
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ist auf seiner Schulter;“
(Jes. 9, 1ff)
Die berühmte Stelle aus dem Buch des Jesaja lesen wir jedes Jahr an Weihnachten.
Wir lesen sie als Heilsprophetie,
als uralten Hinweis auf das Kommen Jesu, des Messias.
Getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen wie die Propheten in Gottes Auftrag geredet.
Wieder ist es unserem Briefschreiber wichtig, die Authentizität der Glaubenslehren hervorzuheben.
Für ihre Zeitgenossen brachten sie Trost in finsteren Zeiten, etwa während des babylonischen Exils,
und für die Juden über die Jahrhunderte bis in den Holocaust.
Das prophetische Wort ist ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort,
bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht,
Jesus Christus wiederkommt.

V
Der Pseudo-Petrus empfiehlt den zweifelnden und bedrängten Christen seiner Zeit
die Geschichten der Evangelien und die Worte der Propheten.
Ich lese den Predigttext als flammendes Plädoyer für die biblischen Schriften –
noch bevor sie zu dem biblischen Kanon, wie wir ihn heute kennen, zusammengefasst waren.
Die Bibel bündelt Erfahrungen der Menschen mit Gott.
Wir können es der Textkritik überlassen, wer und zu welcher Zeit es im Einzelnen aufgeschrieben hat.  Erfahrungen der Menschen mit Gott –
Der Heilige Geist ist dabei am Werk -  
und der Glaube als großes Geschenk Gottes.
Das hilft so vielen Menschen,
gibt Kraft auch im Zweifeln,
ist Inspiration, Trost und Licht.
wird zur Wahrheit.

Die Bibel ist Glaubens-Erfahrungsschatz-
Das ist mir sehr bewusst geworden auf unserer Gemeindefreizeit im letzten Oktober:
Eigentlich war eine Familienfreizeit geplant, coronabedingt musste sie abgesagt werden.
Unsere Pfarrerin machte das Beste daraus,
und so waren wir wenige TeilnehmerInnen quer durch die Gemeinde.
Das Hygienekonzept war nicht gerade gemeinschaftsfördernd.
Die Pandemie als Wüstenzeit in unserer Gesellschaft und in unsrer Gemeinde –
so haben wir es empfunden.
Wir hatten drei wunderbare Tage…
Wir beschäftigten uns mit einer uralten Wüstengeschichte:
der Speisung des Volks Israel in der Wüste mit Wachteln und Manna (2. Buch Mose, 16).
Ich denke, viele empfanden es wie ich:
Der Geist Gottes war in diesen Zeilen aus dem Buch Mose bei uns gegenwärtig in unserem so intensiven und vielfältigen Gespräch
und ließ uns so viel Wahres über uns und über Gottes Geschichte mit uns Menschen entdecken:
Gott sorgt für uns überall in unserem Alltag,
Gott ist uns immer nahe, ihm verdanken wir unser Leben, einst auch unser ewiges Leben,
und Gott schenkt uns in der ganzen Vielfalt der biblischen Schriften das Brot des Lebens.

Für den unbekannten Petrus war es die Verklärung Jesu,
für uns auf der Gemeindefreizeit das Manna,
und für jeden von uns?
Vielleicht haben Sie Zeit und Lust, darüber nachzudenken,
welcher kleine Abschnitt aus der Bibel Ihnen Zuspruch, Trost, Lebenshilfe - „Wahrheit“ (geworden) ist…?
Amen.
                                                                       Prädikantin Friedegard Brohm-Gedeon
 

Letzte Aktualisierung
31.01.2021 - 17:57