Predigt vom 22. März 2020

Gespeichert von admin am Sa., 28.03.2020 - 21:57

Lätare, 22. März 2020,

Johannesgemeinde,

Jesaja 66,10-14

10Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12Denn so spricht der HERR: Siehe,ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Stromund den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden“
(Übersetzung: Lutherbibel revidiert 2017, Deutsche Bibelgesellschaft 2016)

Liebe Schwestern und Brüder!

Heute haben wir wieder ein Predigtwort vor uns, das eigentlich unseren jüdischen Freunden gilt. Dass sie Jerusalem lieben, steht außer Frage. Vielleicht kennt Ihr das wichtige Wort:

בשנה באה בירושלם „bešanah ba’ah bijeruschalajim“ – „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ – Dieser Wunsch ist eine Form des Ausdrucks dafür, dass man sich dort treffen kann, wo man eigentlich zu Hause ist. Wer einmal den Vorabend des Sabbat, den Abend des Freitag, in Jerusalem vor der Westwand des Tempelbergs miterlebt hat, weiß, was ich meine: Viele sagen ja für diese Westwand „Klagemauer“, weil damit die Erscheinung oder die Stimmgestalt der jüdischen Beterinnen und Beter wiedergegeben scheint. Aber das ist in hohem Maße ein Missverständnis. Am Abend vor dem Sabbat erleben wir die Wahrheit: Singen und Tanzen, die gemeinsame Freude darüber, in Jerusalem sein zu können und dort den Sabbat zu beginnen. Wie es unser Bibelwort aus dem Jesaja-Buch überzeugend zum Ausdruck bringt:

„Freut euch mit Jerusalem, und seid fröhlich über sie,
alle die ihr sie liebt! […]
Damit ihr trinkt und euch erquickt an der Brust ihrer Herrlichkeit.
Denn, so spricht Jahwe:
Siehe, ich führe zu ihr wie einen Strom den Frieden!“ (V. 10a.11b.12a).

Uns ist klar, dass die gegenwärtige Lage dieses Bild der Sehnsucht in Frage stellt – zumindest bewusst macht, dass im Moment ähnliche Hoffnungen wie gegeneinander stehen:

Die Hoffnungen der Muslime und besonders der Palästinenser,
die Hoffnungen von uns Christen – gerade auch von Palästinensern dort – 
und die Hoffnungen der Jüdinnen und Juden.

In unserem Bibelwort wird als entscheidende Aussage gemacht:

auf Hebräisch: שלום „Schalom“,
auf Arabisch: سلام „Salaam“,
für uns europäische Christen: „paix“, „peace“, «мир», „Friede“.

Ich kann keine Lösung der zahlreichen und miteinander verschränkten und ineinander verquickten Probleme entwerfen. Aber eines möchte ich, ja muss ich eindeutig sagen. Und das sage ich jetzt zu uns hier in unserer Kirche:

Friede muss möglich sein. Sucht doch nach Schritten des Friedens. Denn es ist Gott selbst, der hier diesen Frieden verheißt – nicht als kleinen Rinnsal sondern als großen Strom. Und dieser große Strom wird dann alle Eigeninteressen wegschwemmen, so dass der Friede möglich werden wird. Halten wir an dieser Hoffnung fest! Wenn Friede werden soll, dann müssen wir bereit werden, auf unsere eingefahrenen Wege, auf die gewohnten Überzeugungen zu verzichten, nach neuen Wegen, nach überraschenden Überzeugungen zu suchen! Das jedenfalls ist meine Lektion aus dem, was mir von Jerusalem her bewusst wird.

Auf dieser Basis – wie überraschend, wie bewegend ist sie! – werden die Angeredeten in dem Bild der von Müttern behüteten Säuglingen ausgemalt:

            „auf der Seite / auf der Hüfte werden sie getragen
            und auf den Knien werden sie geliebkost“ (V. 12b).

Und dann erfolgt der so besondere Satz davon, dass Gott

„trösten will, wie einen seine Mutter tröstet“ (V. 13a).

Dazu ist mir ein Erlebnis eingefallen, das ich als Dreizehnjähriger hatte: Durch einen Unfall wurde meine Brille zerbrochen, und Splitter des linken Glases zerschnitten das linke Auge. Ich konnte noch so operiert werden, dass das Auge erhalten blieb. Aber mit den späteren Erfindungen von 3D-Postkarten, 3D-Filmen und 3D-Spielen kann ich gar nichts anfangen, denn mein Gehirn kann bis heute die beiden Bilder, die die beiden Augen liefern, nicht zusammenbringen. Direkt nach der Operation musste ich über einige Tage hin beide Augen verbunden halten. Da hat mich meine Mutter besucht und mir ein Schälchen mit Kirschen mitgebracht. Gern habe ich sie gegessen. Süß und saftig waren sie. Aber ich wusste nicht, wie sie aussahen – rot-gelblich oder dunkelrot. Da konnte ich nicht genau feststellen, was mir meine Mutter mitgebracht hatte, aber ich wusste, dass es gut für mich war!

So ist das oft, wenn uns Gott hilft, wenn uns Gott tröstet. Wir wissen nicht wirklich, was er für uns tut – weil wir es nicht wirklich sehen können. Aber wir können festhalten, dass er uns Gutes tut, wie damals meine Mutter mir Gutes getan hat!

Aber noch eine Bedeutung hat dieses Bibelwort, das mir jedenfalls erst bewusst geworden ist, als ich es im hebräischen Original gelesen habe. Wie wird da dieses „wie einen eine Mutter tröstet“ ausgedrückt? V. 13a heißt wörtlich:

כאיש אשר אמו תנחמנו“ „Ke’isch ’aschär ’immo tenachamännu“ – 
„Wie ein Mann, von dem gilt: Seine Mutter tröstet ihn!“

Und die jüdischen Theologen Martin Buber und Franz Rosenzweig haben verdeutscht:

„Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet“!

Es steht wirklich „Mann“ da! Es geht also gar nicht nur um Kinder. Es geht auch um Erwachsene! Es geht um uns!

Ich darf den hebräischen Satz verändern – bitte erlaubt mir das –:

„Ke’isch uke’ischah ’aschär ’immo we’immah jinchemu“ –
„Wie einen Mann und eine Frau, von denen gilt: Seine und ihre Mutter trösten sie!“

Das ist hier gemeint:

„Wie einen Mann und eine Frau, von denen gilt: Seine und ihre Mutter trösten sie!“ Jeder und jede sind gemeint. Heute, hier in unserer Gottesdienstgemeinde!

Vor längerer Zeit las ich einen hochinteressanten Satz: „Wenn sich Kinder auf den Boden werfen und mit den Händen auf den Teppich trommeln, weil man ihnen einen Wunsch versagt hat, soll man ihnen Trost spenden, aber nicht nachgeben“ (Jan Fleischhauer, in: FOCUS 6/2020, S. 7). Ich will jetzt nicht über Erziehung sprechen, auch weil es heute  ja kaum noch nach Regeln gehen kann, die für alle gleich sein müssen. Aber ich denke schon, dass ein Kind zuerst erfahren muss, dass es wirklich liebevoll angenommen ist und daraus Urvertrauen gewinnen kann, und dann, dass es auch in Verantwortung hineinwachsen, Selbständigkeit gewinnen kann. Wie das bei mir war? Ich weiß da wenig zu erzählen. Aber ich glaube, dass ich selbst nach meiner Erinnerung nie so ein Theater gemacht habe, wie es Jan Fleischhauer beschreibt. Ich habe nie rumgebrüllt, wenn nicht geschah, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte – oder gar mit meinen Fäusten den Tisch oder den Teppich bearbeitet hätte. Heute kann man wohl beides beobachten: Dass viele Kinder in vorbildlichem Zuhause aufwachsen und dass gleichzeitig bei anderen vieles falsch läuft.

Aber die Wirklichkeit des Tröstens durch Gott hat doch dieser Journalist, Jan Fleischhauer, hier großartig eingefangen: Gott gibt uns kaum nach. Aber er tröstet uns wirklich, gerade dadurch, dass er uns nicht nachgibt. Denn er weiß besser, was uns nötig ist. Er weiß, welchen Frieden wir brauchen. Darin gerade, dass uns dies bewusst wird, liegt sein Trost!

Amen

Letzte Aktualisierung
28.03.2020 - 21:58