Predigt vom 7. April 2023 Karfreitag Grablegung

Predigt

Pfarrerin Ulla Knauer

17. Sonntag nach Trinitatis

(09.10.2022)

Predigt zu Jesaja 49, 1-6

Gnade sei mit Euch, und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

  1. Manchmal ist ein Lied ein Schatz

 

Liebe Gemeinde!

Ich staune immer wieder, welche Kraft und Energie von Liedern ausgehen kann. Wenn ich mich ganz auf ein Lied einlasse, dann kann ich die Welt um mich herum, kurz ablegen. Nicht vergessen, aber kurz beiseitelegen. Dann kann ich ganz aufgehen in dem Moment des Singens, der Melodie, der Botschaft des Textes.

Noch mehr vielleicht, wenn ich mit anderen zusammen singe, oder wenn ich jemandem vorsinge, daheim, Kindern oder auch Menschen am Krankenbett, die das wünschen.

Es ist ein großes Geschenk, ein Schatz, dass wir das können. Wie eine Meditation. Gestern erst habe ich mit einer 1. Klasse gesungen: Gottes Liebe ist so wunderbar.  Und das bleibt so stehen. Da muss ich nicht nachdenken und grübeln, ob man das jetzt singen kann, trotz aller Katastrophen auf der Welt, trotz verstorbener Kinder in Thailand oder besorgter Bürger in Deutschland. Nein, Gott schenkt uns diese Freiheit, zu singen.

Wie komme ich darauf? Ein besonderes Lied ist unser Predigttext. Man nennt es Lied, denn im hebräischen Original ist der Text sprachlich kunstvoll gestaltet, wie ein Lied oder ein Gedicht. Der Text steht bei Jesaja im 49. Kapitel. Er gehört zu den so genannten Gottesknechtsliedern. Insgesamt gibt es 4 Lieder bei Jesaja. Man könnte auch sagen 4 Strophen des Gottesknechtslieds, die verteilt auftauchen. Sie stehen nicht aneinander, bauen aber aufeinander auf.

Wir hören heute die 2. Strophe. Später in der 3. Und 4. Strophe wird dieser Diener Gottes sogar zum Messias. Er leidet und rettet die Welt. Viele Christen erkennen in diesen Verheißungen Jesus. In Jesaja 49 erzählt dieser Knecht in Ich-Form von seiner Berufung. Hören wir auf seine Worte:

  1. Predigttext Jesaja 49, 1-6

 

Hört mir zu, ihr Inseln,

und ihr Völker in der Ferne, merkt auf!

Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an;

er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war.

2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht,

mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt.

Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht

und mich in seinem Köcher verwahrt.

3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel,

durch den ich mich verherrlichen will.

4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich

und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Doch mein Recht ist bei dem HERRN

und mein Lohn bei meinem Gott.

5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat,

dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll

und Israel zu ihm gesammelt werde

– und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –,

6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist,

die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen,

sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht,

dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde

 

  1. Wer ist angesprochen? Einer oder alle?

 

Ein namenloser Knecht. Ein Diener. Ein außergewöhnlicher Auftrag. Nicht nur Israel soll er aufrichten, sondern ein Licht sein für die ganze Welt. In ihm will sich Gott verherrlichen. Was für eine Aufgabe? Riesig.

So eine große Aufgabe, und doch erfährt der Leser nicht den Namen des Knechts. Er wird nicht Prophet genannt, wie bei anderen Propheten im Alten Testament, auch wenn er berufen wird und sein erster Auftrag Israel gilt. Liest man den Text als Christ, denke ich schnell an Jesus. Ist er nicht unser Licht für die Welt?

Doch hier in diesem Lied werden auch ganz konkret Gefühle des Scheiterns geschildert. Können wir Jesus auch Zweifel und Scheitern zugestehn?

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich

und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Ich denke ja, schließlich bekennen wir ihn als wahren Mensch und wahren Gott.

Gibt es nun einen Namen?

An einer Stelle irritiert der Text, plötzlich wird der Knecht mit dem Namen „Israel“, angesprochen. Nur ganz kurz. Danach wieder als eine Person. 

Theologen überlegen bis heute und untersuchen die hebräische Sprache, ob wohl 1 Person, oder alle Mitglieder des Volk Gottes gemeint sind.

Heute werden wir da wohl keine Antwort finden. Aber es öffnet den Horizont. Vielleicht soll hier gar kein Name stehen, weil es mehr als 1 Menschen gibt, der am Heilswirken Gottes beteiligt sein darf.

  1. Erfahrung des Scheiterns und des Neubeginns,

Beispiel Eltern-Kind-Kuren

Dieses Lied des Gottesknechts beeindruckt durch seine Ehrlichkeit. Der Knecht berichtet von seiner Berufung, von der Ehre, die er empfindet, für Gott arbeiten zu dürfen. „Mein Recht ist beim Herrn“. Und doch kennt er Scheitern, kennt er Zweifel, kennt er das Gefühl der Unzulänglichkeit.

Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich

und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Er gibt zu, wie schwierig seine Aufgabe ist und wie er scheitert.

Und zur gleichen Zeit, bekennt er sich zu Gott.

Natürlich ist hier der Glaube bemerkenswert, den er nicht verliert, die Verbindung zu Gott. Noch mehr aber finde ich außergewöhnlich, wie er weiß, die nötige Kraft kann von außen kommen. Er muss sie nicht selbst produzieren.

Mich erinnert dieser Gedanke an ein Plakat am Kindergarten: Eltern-Kind-Kur. Beraten Sie sich!

Liebe Gemeinde! Noch nie habe ich in einem Jahr so viele Menschen gekannt, die einen Antrag auf Kur gestellt haben. Im Freundeskreis und in der Nachbarschaft waren es mehrere Familien. Ich muss zugeben, auf der einen Seite erschreckt es mich, wie viele Menschen erschöpft sind und Hilfe suchen. Auf der anderen Seite war ich auch beeindruckt, wie sie ehrlich sagen konnten: Es ist alles im Moment zu viel. Wir brauchen Erholung. Wir wollen diesen Weg versuchen.

Und trotz dieser Einsicht der Erschöpfung, sicherlich auch Gereiztheit im Familienalltag, wird die Elternrolle hierbei nicht in Frage gestellt. Die Kur ist kein Defizit. Sie ist eine Kraftquelle, um die Aufgaben als Mütter und Väter neu zu erfüllen, die eigene Rolle erneuert mit Leben und Liebe zu füllen.

Und da bin ich wieder ganz nah am Gottesknecht.

Er gibt zu, wie er sich fühlt, dass er scheitert. Dass er umsonst arbeitet. Ihm nicht zugehört wird. Er sich kraftlos fühlt.

Er bleibt aber in dieser Beschreibung nicht stecken und verliert sich nicht in Ohnmacht.

Er verweist auf eine größere Macht. Da draußen, da bist du Gott, du rechtfertigst mich. Du bist der Grund, dass es immer noch richtig ist, was ich tue. Du gibst neue Kraft.

„Mein Recht ist beim Herrn“

  1. Erfahrung des Scheiterns und des Neubeginns im kirchlichen Bereich, Beispiel Michael Spurlock (All Saints Episcopal Church, Tennessee)

Gott bleibt diesem Diener treu, er erweitert sogar sein Aufgabenspektrum.

Die Treue Gottes hat auf eine ganz besondere Art und Weise der amerikanische Pfarrer Michael Spurlock erlebt. Wir springen gedanklich in den Bundesstaat Tennessee, zur dortigen verfassten evangelischen Kirche.  Über Michael Spurlock und seine Gemeinde All Saints, auf Deutsch Allerheiligen, gibt es ein Buch und eine Verfilmung. Was war geschehen? Michael war Quereinsteiger in den Pfarrberuf. Er fühlte sich berufen, war vorher lange im Finanzsektor tätig. Er absolvierte die Ausbildung und wurde einer Gemeine zugeordnet. Dort eckte er an, an Kirchenleitung und Bischöfen. Die Spielregeln der Verwaltung interessierten ihn weit weniger als die Menschen vor Ort. Was tun? Der Bischof strafversetzt ihn mit seiner Familie nach All Saints in die Pampa. Dort hat er die wenig glorreiche Aufgabe, die Schließung einer Kirche zu organisieren, die mit der Nachbarkirche fusionieren soll. In den Gottesdienst kommen kaum noch 10 Leute. Er nimmt sich fest vor, seinem Auftrag treu zu bleiben, und nach der Kirchenschließung, zu schauen, an welchem neuen Ort er eingesetzt wird. Doch es kommt alles anders. Flüchtlinge treffen ein und bitten um Hilfe. Noch existiert ja All Saints. Er hat das Gefühl, helfen zu müssen und kämpft für seine asiatischen Flüchtlinge, die auch Christen sind.

Von was sollen sie leben? Eine Idee wächst heran: Auf Kirchengrund Landwirtschaft betreiben, doch ohne Gerät? Mühsam vergeht der Sommer, doch immer wieder bekommen sie Unterstützung und Spenden, ein alter Traktor oder eine Wasserpumpe. Sogar die Laufzeit von All Saints wird verlängert, unter der Bedingung, dass die Gemeinde wächst und das Projekt erfolgreich wird.

Bei der Ernte dann die Katastrophe, es schüttet aus Kübeln, ein Unwetter setzt ein. Menschen aus der ganzen Umgebung kommen noch und helfen. Doch die Ernte ist kaputt.

Die Gemeinde erlebt das große Scheitern, das Projekt ist kaputt. Wieder muss das Ende der Gemeinde organisiert werden. Zum Abschied wird der Bischof geladen, der dann alle überrascht. Er hat sich für sie eingesetzt. Die Gemeinde darf bleiben. Es konnten zwar keine Nahrungsmittel geerntet werden, aber jetzt stehen nicht mehr nur eine Handvoll Menschen vor ihm. Es sind an die hundert.

Die Gemeinde bleibt. Michael Spurlock wird trotzdem versetzt. Er soll seine Gabe noch an anderen Orten einsetzen, für Gott und für die Menschen.

Diesen Ort, diese Kirche gibt es wirklich. Man kann sich Fotos im Internet anschauen oder sie besuchen. Ich weiß, es gibt auch das Gegenteil. Kirchen, die geschlossen werden, die in Europa zu Museen werden, zu Konzertsälen, zu Wohnungen.

Gott aber bleibt. Und sein Auftrag an seinen Knecht, und an uns alle, bleibt. Licht will er sein. Bis ans Ende der Welt.

  1. Ewige Erneuerung durch Christus, Quelle für Mut und Weite

Und wir, Sie und ich?

Was macht dieses Gottesknechtslied mit uns?

Ich kann nicht die ganze Welt bereisen, ich kann auch keine Wunder tun. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch und nicht der auserwähle Knecht, oder Messias.

Als Christin höre ich Jesus in diesem besonderen Diener. Als Christin erinnere ich mich an Ostern, an Pfingsten. Jesus stirbt für die ganze Welt. Er lebt ewig für die ganze Welt. Er schenkt uns seinen Geist und schickt uns in die Welt. Und zwar immer wieder neu.

Der Gottesknecht wird erneuert in seinem Amt. Er ist Bote und soll zusammenführen. Israel und die ganze Welt.

Im Neuen Testament werden die Boten weiter gefasst: „Freudenboten“ sind alle, die von Gott zeugen.

Und damit sind wir wieder bei uns. Wir können Freude verbreiten. Licht sein, hier in Erlangen. Es darf auch ein kleines Licht sein.

Manche Freudenboten singen Lieder.

Heilsam, diese Lieder der Hoffnung mittendrin.

Möge Gottes Wort auch uns heute Mut machen zum Singen,

Mut machen, zu großem Vertrauen.

Mut machen, Berufungen im Leben anzunehmen.

Mut machen für Aufgaben in der Familie, in der Arbeit, im Ehrenamt.

Mut machen, in Momenten des Scheiterns ein Glaubensbekenntnis zu sprechen.

ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht,

dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus. Amen.

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